In der Westpfalz (die Ecke von Kaiserslautern) hat sich ein - wie ich finde - recht pfiffiges Quartett zusammengefunden, über dessen Treiben ich in einem Beilagenbeitrag für zwei regionale Zeitungen geschrieben habe. Im Folgenden knapp 11.000 Zeichen (also richtig lang), die vielleicht aber doch geeigent sind, den einen oder anderen zu interessieren.
Herzlich aus Speyer
bico
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Vision: Wohnung!
„Lebst du nur oder wohnst du auch“, fragte sich unser Autor Cornelius Bischoff und machte sich auf eine Spurensuche nach Menschen, die die Geborgenheit der eigenen Wohnung schätzen und den Propheten der „Geiz-ist-geil-Generation“ mit Begriffen wie „Nachhaltigkeit“ und „Qualität“ begegnen. Gefunden hat er vier Visionäre, die sich aufgemacht haben, „das Wohnen zurück zu den Menschen zu bringen.“
Lodernde Flammen werfen ein unstetes Licht. Regen prasselt. Kaum halten die Wände, locker aus Tierhäuten und Astwerk gefügt, den heulenden Wind von einem Grüppchen Menschen, das sich um das wärmende Feuer drängt. Fische braten auf hölzernen Spießen am Rande der Glut. Draußen lauern die Geister der Nacht. Zeitsprung. Tag und Nacht brennt die Heilige Flamme, das Feuer der Göttin, das Lebenslicht der Ewigen Stadt. Rom. Sechs ausgewählte Jungfrauen, Vestalinnen, hüten den lodernden Schatz, dessen Ursprung so alt ist, wie die Kulturgeschichte der Menschheit. Zeitsprung. Geräuschlos gleitet ein Drehregler aus der Frontseite des Herdes im Herzen der Stadt. Chrom glänzend bündelt ein Kochtopf magnetische Felder. Sekunden später brodelt das Wasser im Topf. Bestecke klappern, als der zehnjährige Arne den Küchentisch deckt.
„Die Küche hat nichts von ihrem Zauber, als magischer Mittelpunkt der Familie, verloren“, sagt Laurent Fleygnac. Mit leuchtenden Augen erzählt der gelernte Tischler aus der Geschichte früher Kulturen, als das Herdfeuer zentraler Punkt einer jeden Behausung war. Ort des Lichtes, Ursprung und Zentrum eines weiteren, besonderen Kultes, der die Mitglieder verzweigter Sippen zu einer Haus-Gemeinschaft im Sinne des Wortes verschwor: „Das gemeinsame Essen - selbst das Symbol des Tisches, an dem jedem Familienmitglied ein eigener Platz vorbehalten war - hat einen hohen Wert auch in unserer Zeit“, sagt der gebürtige Franzose. Laurent Fleygnac ist Mitglied einer Gruppe von Wohnwerkern, die sich im Umland der Fußball-Metropole Kaiserslautern zusammengefunden haben, um „das Wohnen zurück zu den Menschen zu bringen.“ Dass man auf diesem Weg kein besonders dickes Scheckbuch haben muss, bestätigt die Mutter von Arne. Vor sieben Jahren war die Familie aus Hannover in die Metropolregion gezogen. Und während sich grüne Basilikumblätter, fein geschnittener Knoblauch, Salz, Pinienkerne und Parmesan-Käse in dem grau-marmorierten Steinmörser unter stetem Stampfen in ein frisches, italienisches Pesto verwandeln, erzählt die junge Frau, dass das gemeinsame Gehalt „eben zum Leben reicht“.
Dass es trotz des beschränkten Einkommens Ruhe und Leichtigkeit sind, die den Besucher in jedem Winkel der kleinen Wohnung empfangen, ist das Ergebnis einer umfassenden Planung. Laurent Fleygnac: „Jeder Mensch hat eine eigene Vorstellung davon, was ‚Wohlbefinden’ bedeutet.“ Zudem gebe es grundlegende Zusammenhänge, die eine ausgleichende Wirkung auf ihre Umgebung haben. Die Kunst von Laurent Fleygnac, Peter Könnel, Jochen Tromsdorf und Markus Schwab besteht darin, diese Zusammenhänge zu erkennen und durch die Mittel ihres jeweiligen Handwerks in Einklang mit den Möglichkeiten zu bringen, die der Schnitt einer Wohnung vorgibt. Schritt für Schritt entsteht so, was die Westpfälzer unter dem Begriff „Vision-Wohnung“ zusammengefasst haben: Ein harmonisches Ganzes, das mit den Vorstellungen und Möglichkeiten seiner Bewohner wächst und das, sagt die Mutter von Arne, „nie langweilig wird.“ Der Grund dafür, dass das Konzept aufgeht, liegt unter anderem an einer Entwicklung, die Trendforscher zu Beginn des 21. Jahrhunderts unter dem Begriff „Cocooning“ zusammengefasst haben. Hinter dem englischen Fremdwort, das eigentlich das Einspinnen einer Raupe in ihren Kokon beschreibt, verbirgt sich der Wunsch einer steigenden Zahl von Zeitgenossen, ihrem Alltag und einer zunehmend als unübersichtlich empfundenen Welt, einen Ort der Ruhe und des Wohlfühlens entgegen zu setzen. Weil es sich aber die wenigsten Menschen leisten können, ihren „Kokon“ vom Start weg so auszustatten, wie es den persönlichen Vorstellungen entspricht, schießen Billig-Möbel-Mitnahmemärkte wie Pilze aus dem Boden. Allgegenwärtige Werbung, ein vorgefertigtes Lebensgefühl und gezielt geförderte „Geiz-ist-geil-Mentalität“ täten – so Laurent Fleygnac - ein Übriges, um das vorhandene Geld in die Taschen der Anbieter fließen zu lassen.
„Unser Geld“, sagt die Mutter von Arne, und gießt, grüngolden aus der Kanne schwappend, Olivenöl über ihr Pesto, „können wir immer nur einmal ausgeben“. Auch aus diesem Grund hatte die junge Familie Begriffe wie „Perspektive“ und „Nachhaltigkeit“ an den Anfang ihres persönlichen Wohntraumes gestellt. Laurent Fleygnac empfiehlt, die „Keimzelle“ jedes künftigen „Kokons“ mit Bedacht zu wählen. Beispiel: Küchentisch. „Die Küche war von Anfang an ein zentraler Ort in unserem Leben“, sagt die Mutter von Arne. Eine besondere Rolle sei dabei dem Treffpunkt der Familie, dem Küchentisch, zu gekommen. Statt Geld für eine anonyme Leichtbau-Konstruktion aus dem Baumarkt auszugeben, hatten Arnes Eltern die Augen offen gehalten: Nicht nur Tisch und Kommode stammen vom Sperrmüll! Heute bilden die vielfältigen Maserungen des Holzes an Regalen, Tisch und Bänken einen interessanten Kontrast zu den frischen, grünen Kräutern, die im Blumenkasten auf der Fensterbank wachsen und den klaren Linien eines modernen, italienischen Herdes.
„Nein, billig war der Herd nicht“, sagt die Mutter von Arne, und stellt eine Handvoll Spaghetti in den hohen Topf, in dem das kochende Wasser blubbernde Blasen bildet. Es sei aber zu bedenken, dass die Küche nach wie vor ein Arbeits-Platz für die überwiegende Zahl der Frauen in Deutschland ist. Diese haben einen Anspruch darauf, dass der Ort, an dem sie zahllose Stunden verbringen, nicht nur sicher und funktionell ist, sondern vor allem den persönlichen Vorlieben entspricht und die Kreativität anregt. Im Gegensatz zu einem Ofen aus der Massenproduktion biete der Designer-Herd zahllose Möglichkeiten, das Möbel frei in den Raum zu stellen, unter- oder einzubauen. Zudem sei sichergestellt, dass Kochfelder, Abdeckungen und ergänzende Geräte über Jahre hinaus nachzukaufen und von entsprechender Qualität seien. „Natürlich kann ich auch an einem ‚normalen’ Herd kochen“, sagt die Mutter von Arne: „Unser Herd aber gibt mir das Gefühl, als wäre er extra für mich gebaut worden.“ Als nächstes „Projekt“ stünde die Anschaffung einer Arbeitsplatte aus Granit bevor „und dann“, sagt die Mutter von Arne, und schüttet den restlichen Parmesan in einen flachen, mit roten Mohnblüten bemalten Teller aus Ton, „bekommen wir einen Ofen mit offenem Feuer.“ Dass es für beide Anschaffungen keinen festen Termin gibt, stört niemanden in der Familie.
„Auch bei der Einrichtung des persönlichen Lebensumfeldes ist der Weg das Ziel“, erklärt Laurent Fleygnac. Und während ein bekannter Lieferant von schwedischen Einrichtungsgegenständen seine Kunden dazu auffordert, sich beim Kauf der angepriesenen Zeitgeist-Möbel zwischen „Wohnen“ und „Leben“ zu entscheiden, empfiehlt der Fachmann, das eine mit dem anderen zu verbinden. Ebenso wenig, wie es Menschen „von der Stange“ gibt, gebe es einen übergeordneten Geschmack, der alle Mitglieder einer Gemeinschaft verbindet. Wenn es aber gelingt, Kreativität und Individualismus mit dem zu kombinieren, was Fachleute als „westliches“- oder „Neo-Feng Shui“ bezeichnen, sei auch mit geringen Mittel Bemerkenswertes zu erreichen; davon sind Laurent Fleygnac und die Mitglieder des Westpfälzer Wohlfühl-Quartetts überzeugt.
„Es hat bis heute niemand eine Erklärung für die unterschiedliche Wirkung von Räumen auf unser Empfinden gefunden“, sagt der Franzose. Dennoch gehen einige fernöstliche Philosophien davon aus, dass der Fluss von Lebensenergie, das so genannten Qi, Einfluss auf das Wohlbefinden eines Menschen hat. „In China spielt Feng Shui eine große Rolle bei der Planung von Bauvorhaben“, sagt Fleygnac. In einer Abwandlung der traditionellen Lehrweise versuchen die Anhänger des Neo-Feng Shui ihre Maßnahmen nicht nach der Himmelsrichtung, sondern nach der Lage von Wohnungstür, Hauseingang und Fenstern, auszurichten. Der Fluss des „Qi“ sei dann durch die Anordnung diverser Hilfsmittel – farbige Stoffe, Kristalle, Zimmerbrunnen oder Windspiele - zu regulieren. „Es ist nicht unsere Aufgabe, die Wirkung dieser Systeme zu bewerten“, sagt Laurent Fleygnac. Tatsächlich aber lasse sich – bei einiger Kenntnis der Zusammenhänge – schon mit geringen Mitteln eine erstaunliche Wirkung erzielen. „Es gleicht ein bisschen der Frage nach Henne und Ei“, sagt der Franzose mit einem Augenzwinkern: Die exakte Wissenschaft sei zwar nicht in der Lage zu klären, ob Arne deshalb besonders gerne in seiner Malecke neben der Küchentür spielt , weil die Röhren eines Messing-Windspiels dort für besonders kräftige Wirbel von Lebensenergie sorgen oder ob der Junge einfach Freude an den harmonischen, sanften Klängen hat, die jeder Luftzug dem tönenden Instrument entlocken. Das Ergebnis ist in jedem Fall ein zufriedenes Kind, das sich in der Nähe und Umgebung seiner Familie zu Hause fühlt
Laurent Fleygnac ist davon überzeugt, dass in dieser Gewissheit - einen Platz für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit zu haben, diesen Platz zu kennen und sich an seinem Platz geborgen zu fühlen – der wahre Schlüssel zu perfektem „Cocooning“, gesteigerter Leistungsfähigkeit und mehr Lebensfreude liegt. Der Weg dahin führe nicht über den schnellen Konsum von Massenwaren, sondern über die Entdeckung und den Ausbau der eigenen Fähigkeiten und Wünsche. Das bestätigt auch die Mutter von Arne. Und während die dampfenden Spaghetti, das frische Pesto und der duftende Parmesan eine köstliche Einheit auf den bunten Tellern mit ihren vielfältigen Mustern bilden, klettert der Zehnjährige ganz selbstverständlich auf „seinen“ Holzstuhl; den mit der geschnitzten Lehne und den Sprüngen und Kratzern, die sich auf interessante Weise mit der schlichten Eleganz des modernen Herdes ergänzen. „Das ist mein Platz“, sagt Arne. Stimmt. Weitere Informationen gibt es im Internet: Links sind nur für registrierte User sichtbar.




