von Matthau » 31.08.2006, 15:11
Und jetzt mit Aversionen:
Phänomenal: Feng Shui
Eine Mischung aus Aberglauben und unbewiesenen Ideen als Leitfaden für Architektur, Stadtplanung und Landschaftsgestaltung?
von Robert Todd Carroll
FengShui (ausgesprochen "fong schwei - wie engl. "way"; die wörtliche Bedeutung ist: "Wind und Wasser") ist Teil einer alten chinesichen Naturphilosophie. Feng Shui wird oft mit einer Art von Geomantie gleichgesetzt - Hellsehen mittels geographischer Gegebenheiten - befasst sich aber vor allem mit dem Verständnis des Verhältnisses zwischen der Natur und dem Menschen, um einLeben in Harmonie mit der Umwelt zu ermöglichen.
Feng Shui basiert unter anderem auf der sehr vernünftigen Vorstellung, dass das Leben mit statt gegen die Natur, sowohl dem Menschen, als auch der Umwelt hilft. Feng Shui geht außerdem von der gleichfalls sinnvollen Vorstellung aus, unser Leben werde von unserer physischen und emotionalen Umgebung stark beeinflusst. Wenn wir uns mit Symbolen des Todes, mit Verachtung, Gleichgültigkeit gegenüber Leben und Natur, Lärm und hässlichen Dingen umgeben, werden wir uns dabei selbst negativ verändern. Umgeben wir uns stattdessen mit Schönheit, Sanftheit, Freundlichkeit, Sympathie, Musik und vielfältigen Ausdrucksformen der Schönheit des Lebens, veredeln wir uns selbst, wie auch unsere Umgebung.
Vermeintliche Meister des Feng Shui, also Menschen, welche die fünf Elemente und die beiden Energien der Feng-Shui-Lehre verstehen, sollen ihrem Ruf nach fähig sein, übernatürliche Energien zu erkennen und Anweisungen für ihren optimalen Fluss zu geben. Feng Shui hat sich zu einer Art architektonischer Akupunktur entwickelt: Zauberer und Magier begeben sich in ein Gebäude, oder betreten eine Landschaft, und benutzen ihre übernatürlichen Sensoren, um den Fluss von "guter und schlechter Energie" zu entdecken.
Diese Meister deklarieren dann gegen Bezahlung, wo das Badezimmer sein solle, in welche Richtung Türen liegen müssen, wo man Spiegel aufhängen solle, welcher Raum grüne Pflanzen, und welcher rote Blumen benötige, in welche Richtung man das Bett stellen solle und so weiter. Sie fällen diese Entscheidung auf der Grundlage ihres Gefühls für den Fluss der positiven "Chi"-Energie, des elektromagnetischen Feldes, oder irgendeiner anderen Energie, über die sich der Kunde Sorgen macht. Sollte es also in ihrer Beziehung sexuelle Probleme geben, dann rufen Sie den Feng Shui-Meister. Vermutlich müssen Sie nur ein paar Dinge im Schlafzimmer umstellen, um den Energiefluss in Ordnung zu bringen. Nur ein Mensch mit speziellen paranormalen Sinnen kann Ihnen sagen, was wirklich getan werden muss.
Feng Shui ist also zu einem Aspekt der Innenarchitektur in der westlichen Welt geworden, und die sogenannten Feng Shui-Meister bieten sich für hübsche Summen an, um Leuten wie Donald Trump zu erklären, in welche Richtung seine Türen und sonstige Dinge gehen sollten. Daneben ist Feng Shui ein weiterer der zahllosen New Age -"Energie"-Schwindel geworden, komplettiert durch eine Reihe von übernatürlichen Produkten, angefangen von Papierfiguren (die Halbmonde und Planeten zeigen), über achteckige Spiegel, bis hin zu Holzflöten. All diese Dinge stehen zum Verkauf, um Ihnen dabei zu helfen, Ihre Gesundheit zu verbessern, Ihr Potenzial zu verwirklichen, und Ihnen die Erfüllung einer Glückskeks-Philosophie zu garantieren.
Der indonesische Architekt Sutrisno Murtiyoso meint, in Ländern mit starkem Glauben an Feng Shui sei daraus eine Mischung aus Aberglauben und unbewiesenen Ideen geworden, die sogar in einigen Universitäts-Lehrplänen als wissenschaftliche Prinzipien für Architektur und Stadtplanung durchgingen. Murtiyoso informierte mich über einen Universitätsdozenten, der einen Artikel in Indonesiens größter Zeitung verfasst habe, in dem er "Feng Shui als Leitprinzip für Indonesiens zukünftige Architektur anpreise". Murtiyosos Reaktion darauf: "Wenn so etwas von einem sogenannten 'Paranormalen' gemacht würde, wäre ich nicht so wütend. Aber ein 'Kollege', ein Architekt ... Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie meine Landsleute das nächste Jahrtausend anpacken wollen, wenn sie immer noch an diese alten Zaubereien glauben."
An Sutrisno Murtiyosos Stelle würde ich mich erst dann wirklich aufregen, wenn die Architekten anfangen, die Gesetze der Physik zugunsten derer der Metaphysik zu ignorieren. Wir lassen auch heute noch unsere Priester geweihtes Wasser verspritzen und Beschwörungen murmeln, wenn wir einen Wolkenkratzer einweihen. Soweit ich weiß, ist noch keiner davon zusammengebrochen. Und wenn Aberglaube ein Hindernis für Fortschritt wäre, würden wir heute noch wie unseren behaarten Vorfahren durch die Savanne streifen.
Robert T. Carroll ist Professor für Philosophie am Sacramento City College in Kalifornien. Er ist der Verfasser des Skeptic's Dictionary.
In der MorgenWelt-Reihe "Phänomenal" setzt sich Carroll mit Sachkenntnis - und zumeist einer gehörigen Portion Ironie und Polemik - mit allen Spielarten der Esoterik und Pseudowissenschaften auseinander. <